Genetischer Polymorphismus: Warum Pharmafirmen Codein-Säfte für Kinder vom Markt nehmen

Codeinsäfte waren ursprünglich zur Anwendung bei Reizhusten für Kinder ab zwei Jahren zugelassen. 2013 kam es nach einer neuen Risikobeurteilung der EMA zu der Empfehlung, die Altersgrenze bei allen Codein-haltigen Arzneimitteln auf 12 Jahre anzuheben. Die Firma UCB Pharma nimmt nun, im November 2014, ihre Codein-Säfte und -Tropfen aufgrund von Zwischenfällen aus dem Handel [1,2].

Der Hintergrund für die Anhebung der Altersgrenze waren Meldungen von schweren Komplikationen (z.B. Atemdepression) bei Kindern unter Codein-Therapie, die in einzelnen Fällen zum Tod führten. Diese Komplikationen traten bei sog. CYP2D6-Ultrarapid-Metabolizern auf.

Codein wird hauptsächlich durch Glucuronidierung metabolisiert und in geringerem Ausmaß (3-20%) über das Enzym CYP2D6 O-demethyliert, wodurch der aktive Metabolit Morphin entsteht [3]. Bei den Ultrarapid-Metabolizern wird Codein schneller zu Morphin verstoffwechselt, was zu erhöhten Morphin-Blutspiegeln führen kann. Dadurch kann es auch schon bei normalen therapeutischen Dosierungen verstärkt zu gefährlichen Nebenwirkungen des Morphins wie z.B. Atemdepression kommen. Diese können im schlimmsten Fall bei Kindern tödlich sein. Das Enzym CYP2D6 ist durch andere Substanzen kaum induzierbar.

Umgekehrt ist zu beachten, dass es bei vermindertem Metabolismus über CYP2D6 wie z.B. bei den sog. Poor- bzw. Intermediate-Metabolizern, zu einer fehlenden bzw. verringerten Codeinwirkung kommen kann.

Ähnliche Phänomene könnten auch bei gleichzeitiger Anwendung von Codein mit CYP2D6-Inhibitoren oder –Induktoren zu erwarten sein. Allerdings CYP2D6 ist durch Xenobiotika aber kaum induzierbar. Somit ist hier das Interaktionspotential gering [4]. Im Gegensatz dazu können CYP2D6-Inhibitoren wie z.B. Paroxetin die Bildung von Morphin, welches die antitussive und analgetische Wirkung hervorruft, unterdrücken und zu Therapieversagen führen [4].

Mehr Information zu diesen und anderen Wechselwirkungen finden Sie in der SCHOLZ Datenbank via www.scholz-datenbank.de bzw. www.eprax.de.

Quellen:

[1] Rote Hand Brief 13.11.2014,http://www.bfarm.de/SharedDocs/Risikoinformationen/Pharmakovigilanz/DE/RHB/2014/info-codein.html[2] http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=55095[3] Fachinformation Codicaps Saft gegen Reizhusten, September 2013[4]„Das Interaktionspotential von Antitussiva“, Holger Petri, Krankenhauspharmazie 9,2014